nicht jeder sieht die Dinge so.
Lassen Sie uns mit dem Künstler und seinen Bildern in eine Art Sehschule gehen, die Lust am
acento simple macht.
Als Hilfe hat Derliz Mereles die ausgestellten Photogra- phien in einem einfachen Rahmen
und auf schwarzem Hintergrund präsentiert. Nichts soll vom Bild ablen- ken.

Steingasse
Natürlich sind die meisten von ihnen schon einmal über die
alte Brücke spaziert, haben durch das Tor auf die Häuser
in der Steingasse geschaut wie die vielen Touristen,
die das roman- tische Bild als Idylle in ihre Apparate bannen.
Die Häuser sind schön renoviert, bunt und fröhlich.
Derliz Mereles aber hat noch etwas anderes gesehen, hat eine Perspektive, die wir
übersehen haben und in die er uns mit hineinnimmt.
Der kleine Rest des mittel- alterlichen Stadttores bringt eine ganz andere Zeit in
unseren Blick. Heidelberg wird sichtbar als die mittel- alterliche Stadt
mit einem Wehrtor, fast wie das einer Burg, die sich gegen unliebsame Gäste
abschotten will. In diesem Bild wird durch einen Blick das moderne und das alte
Heidelberg, die heutige Zeit und die vergangene Zeit zusammengestellt. Und zu- gleich
erscheint das einladende Treiben auf der Steingasse nicht einfach als Idyll,
sondern wird mit seiner möglichen Begrenzung und Bedrohung in den Blick gerückt.
Könnte das alte Tor nicht auch zum Falltor werden?
Das kleine Detail, der ein- fache Akzent, der aus einer veränderten Perspektive
re- sultiert, gibt dem Bild seine Tiefe.

Theaterplatz
Wie bist du zu diesem anderen Blick gekommen?, frage ich ihn. In
seiner Erinnerung ist seine erste Erfahrung mit
dem Photogra- phieren der Photoapparat seines Vaters,
der bei Familienfeiern und Treffen hervorgeholt wurde.
Sein Vater trug den Apparat vor dem Bauch
und mußte von oben in die Linse quasi wie in einen Spiegel auf
Bauchhöhe schauen und sah zuerst einmal alles
verändert, nämlich umgekehrt. Derliz erinnert sich, daß er ein oder
zweimal dort hineinsehen durfte.
Vielleicht hat der kleine Junge da entdeckt,
daß die Welt durch einen Spiegel betrachtet
neu entdeckt werden kann. Man kann die Welt
auch auf den Kopf gestellt sehen,ohne daß
man selber Kopf steht. Es ist alles anders herum vorstellbar,
so daß die Gewohnheitsblicke und Vorstellungen nicht
die einzigen sein müssen. Und vielleicht hat er auch
Lust bekommen, es seinem Vater gleich zu tun.
Solche Spiegelbilder der Dinge, die uns umgeben, lassen es zu,
daß verschie- dene Geschehen, Gebäude oder andere Dinge
zusam- mengestellt werden können, die man sonst nur mit mehreren
Blicken und Kopfbewegungen einfangen kann. Und fascinierend finde ich, daß
Kontraste dabei scheinbar miteinander
ver- schmelzen.
Eindrucksvoll sieht man das auf diesem Photo vom Theaterplatz. Durch den Blick
ins Schaufenster wird eine Zusammenschau möglich von dem, was sich auf dem
Theaterplatz abspielt. Man schaut durch das Bild wie durch ein Fenster ins
Freie, obwohl man doch mit dem Rücken
zum Gewühle steht und damit eigentlich mitten drin ist.
Da steht das Plakat mit der Ankündigung des
Caligula-Films vom Harmo- niekino, durch die roten
Schilder der Sonderangebote im Schaufenster sieht man
den Mann am Caffetisch auf dem Platz sitzen und in die
eine Richtung schauen, während ein anderer dasteht, in
die andere Richtung schaut, als ob auch er von der Fülle der
Eindrücke verwirrt wäre. Man sieht, daß
alles noch auf dem Boden der Tatsachen spielt und
ist doch in eine Gleichzeitigkeit und Gleichräumigkeit geführt,
die nur deshalb möglich ist, weil das Bild
selbst zum Schaufenster geworden ist, in dem
alles eingefangen ist, was der Theaterplatz
bietet.

financial district
Seine ersten Erfahrungen mit dem Fotographieren
hat Derliz nicht in seiner Heimat in Paraguay gemacht,
wo er das Vertraute und Gewohnte hätte ins Bild setzen können.
Mit 17 Jahren in den USA hat er seine erste Kamera
ausprobiert, eine Minolta 110, die er vom Vater bekam.
Er sollte seiner Familie durch die 5000 Bilder zeigen,
wie Amerika ist. Er hat es mit ihren Augen und mit
seinen eigenen, denen dieses Land
auch fremd war, gesehen. Die markanten Stellen
am Weg hat er hier schon sehen gelernt und schon damals hat er andere an
seiner Sicht der Dinge teilnehmen lassen.
Er ist auf diese Weise mit dem fremden Land und einigen seiner Menschen so vertraut
geworden, daß er sie noch heute als seine
zweite Familie bezeichnet.
In den Kontrasten, die er gegeneinander oder besser nebeneinander sieht,
wird das je eigene um so deutlicher.
Das zeigt sich hier:
Das ultramoderne wabenähn- liche Hochhaus strahlt Ordnung aus,
Regelmäßig- keit, Gleichmaß. Jedes Stockwerk ist zum Ver- wechseln gleich.
Fast könnte man einen Schreck bekom- men vor so viel
Einheit- lichkeit in der Architektur.
Daneben, nicht so gleich- mäßig von der Sonne bestrahlt, ein neoklassi-
zistisches Gebäude. Fast erscheint es, als falle
das alte Gebäude in das neue hinein, ohne jedoch in irgendeiner Weise
damit in Verbindung zu treten. Die Fensterhöhlen, das
Spiel von Licht und Schatten und die Architektur
verleihen jeder Etage ein besonderes Gesicht, was im Kontrast zum Hochhaus umso
deutlicher wird.
Keine Ablenkung erlaubt das Bild, der kleine blaue Fleck links am Bildrand deutet
höchstens an, daß es sich hier, im financial district in San Francisco,
um wirklich in den Himmel ragende Gebäude handelt. Die Gegenüberstellung
macht nachdenklich. Auf der einen Seite wird das eine Gebäude durch das andere
relativiert. Es verliert seinen Anspruch, das einzige und beste zu sein.
Es wird in Frage gestellt.
Auf der anderen Seite gewinnen beide Gebäude
durch den Kontrast ihre Einzigartigkeit, ihre Beson- derheit.
Derliz Mereles will keine Wertung zeigen, er sagt von seiner Perspektive, von
seinem Blick auf die Kontraste: Man kann nicht wissen, ob man glücklich ist,
wenn man nie traurig war. Wir brauchen die Kontraste, sie sind wie Gewürze,
durch die ein Essen schmackhaft
wird.

Montmatre
Zwei bis drei Jahre nach der Approbation als Arzt hat sich Derliz Mereles die erste
eigene Kamera gekauft. Nie hat er einen Kurs besucht. Er ist das, was
man einen Autodidakten nennt. Er ist in eine Schule eigener Art gegangen.
Vielleicht hat er als Weltenbummler jenen leicht ironischen
Blick ge- wonnen, ein zwinkerndes Auge, das den Einheimischen und
Gewohnheitsgucker auf- merken läßt.
In Paris und am Mont- martre, wo die Schickeria stolz ihre eigene Welt gebaut hat,
sieht der Mann aus Paraguay mit einem Grinsen über die gestylten Straßen- züge
hinaus und entdeckt etwas ganz und gar Menschliches. Aus den Dächern aus Blech
ragen wie ein Haufen ungeordneter Orgelpfeifen Keramikrohre in den Himmel.
Vielleicht . ja wahrscheinlich sind es die Kamine der
Franzosen. Aber die Rohre erinnern Derliz an solche in Paraguay,
die bei jeder Villa und jedem kleinen Häuschen zu
finden sind . allerdings in erheblich geringerer Zahl; um genau zu sein, reicht
ein Rohr für ein Haus völlig: es sind die Entlüftungsrohre der
para- guayischen "Stillen Örtchen".
Keineswegs tut die allzu- menschliche Perspektive auf die Schickeria in Paris jener einen
Abbruch.

Herbst und Schatten
Seit 1993 lebt Derliz Mereles in Deutschland und Heidelberg.
"Einfach" nennt er
sein Sehen, vielleicht ist es für ihn einfach, so die Dinge anzuschauen
und sein Sehen im Bild festzuhalten.
Nach welchen Kriterien hat er gerade diese 20 Bilder aus den 500
ausgewählt? Er sagt, die sind schön. Das Sehen auf die markanten Akzente,
die Freude daran, etwas aus einer anderen Perspektive zu
betrachten, im Spiegel zu beschauen, das Heraus- streichen von Kontrasten und die
Eigenart der Dinge neben anderen, das Augenzwinkern beim Betrachten, das
nennt er schön.
Die Bilder sollen nicht lehrreich sein, obwohl
sie das für mich sind, auch weil sie meine Sehfähigkeit
schulen. Sie sollen Augenlust machen, so wie dieser Schattenweg im
Schwetzinger Schloßpark,
auf dem ich Lust zum Kästchenhüpfen bekomme, zum Spielen mit Licht und
Schatten, mit den Bäumen, die mir den Weg da ins Gras werfen.Da ist auch
Musik drin, vielleicht wie ein Stück von Chopin,
von Derliz auf dem Klavier gespielt.
Wenn Sie jetzt durch den Raum gehen, dann
wünsche ich Ihnen solche Lust am Mitgucken und Mitspielen,
vielleicht auch zum Grinsen und zum Bewundern und zum Fragen. Und vielleicht bekommen
Sie auch bei einem Glas Wein die Lust, eines unterm Arm nach Hause
zu tragen. Auf jeden Fall könnten wir
mit einer Seherweiterung oder Hori- zonterweiterung
nach Hause gehen und so könnte doch noch das
eintreten, was Derliz Mereles mit
Überzeugung meint: Jeder kann ein Photokünstler
werden.