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photography
derliz mereles


Opening speech: Dipl. Theol. Mechthilde Raff-Eming
Exhibition 2000


Translation no available yet: Vor Jahren waren Derliz Mereles und ich in Wein- garten bei Ravensburg unter- wegs. Ich war schon öfter dort zu Besuch gewesen, Derliz zum ersten Mal in diesem Städtchen. Auf dem Weg zurück zu unserem Auto fand ich mich nicht mehr zurecht. Derliz aber konnte mit großer Sicherheit den Weg wiederfinden.

Auf meine Frage, wie er das mache, antwortete er er- staunt: das ist doch ganz einfach, ich achte auf mar- kante Zeichen am Weg, die


erkenne ich dann wieder.

Ganz einfach, nannte er das: acento simple, einfache Ak- zente, nennt er die Ausstel- lung, so sieht er seine Fotographien: Ich will einfach nur dokumentieren, was ich sehe, sagt er. Er fügt dem nichts hinzu und er nimmt nichts weg. Er experimentiert nicht mit Blendengrößen, ungewöhnlicher Belichtung, manipuliert nicht mit dem Computer an den Fotos. Er entdeckt etwas, schaut durch die Linse, sieht nach, ob der erste Eindruck wiederher- stellbar ist und klick - ist es festgehalten.

So sind die Dinge eben, könnte man meinen. Nur -


nicht jeder sieht die Dinge so.

Lassen Sie uns mit dem Künstler und seinen Bildern in eine Art Sehschule gehen, die Lust am acento simple macht.

Als Hilfe hat Derliz Mereles die ausgestellten Photogra- phien in einem einfachen Rahmen und auf schwarzem Hintergrund präsentiert. Nichts soll vom Bild ablen- ken.


Steingasse

Natürlich sind die meisten von ihnen schon einmal über die alte Brücke spaziert, haben durch das Tor auf die Häuser in der Steingasse geschaut wie die vielen Touristen, die das roman- tische Bild als Idylle in ihre Apparate bannen. Die Häuser sind schön renoviert, bunt und fröhlich.

Derliz Mereles aber hat noch etwas anderes gesehen, hat eine Perspektive, die wir übersehen haben und in die er uns mit hineinnimmt.

Der kleine Rest des mittel- alterlichen Stadttores bringt eine ganz andere Zeit in unseren Blick. Heidelberg wird sichtbar als die mittel- alterliche Stadt mit einem Wehrtor, fast wie das einer Burg, die sich gegen unliebsame Gäste abschotten will. In diesem Bild wird durch einen Blick das moderne und das alte Heidelberg, die heutige Zeit und die vergangene Zeit zusammengestellt. Und zu- gleich erscheint das einladende Treiben auf der Steingasse nicht einfach als Idyll, sondern wird mit seiner möglichen Begrenzung und Bedrohung in den Blick gerückt. Könnte das alte Tor nicht auch zum Falltor werden?

Das kleine Detail, der ein- fache Akzent, der aus einer veränderten Perspektive re- sultiert, gibt dem Bild seine Tiefe.


Theaterplatz

Wie bist du zu diesem anderen Blick gekommen?, frage ich ihn. In seiner Erinnerung ist seine erste Erfahrung mit dem Photogra- phieren der Photoapparat seines Vaters, der bei Familienfeiern und Treffen hervorgeholt wurde. Sein Vater trug den Apparat vor dem Bauch und mußte von oben in die Linse quasi wie in einen Spiegel auf Bauchhöhe schauen und sah zuerst einmal alles verändert, nämlich umgekehrt. Derliz erinnert sich, daß er ein oder zweimal dort hineinsehen durfte.

Vielleicht hat der kleine Junge da entdeckt, daß die Welt durch einen Spiegel betrachtet neu entdeckt werden kann. Man kann die Welt auch auf den Kopf gestellt sehen,ohne daß man selber Kopf steht. Es ist alles anders herum vorstellbar, so daß die Gewohnheitsblicke und Vorstellungen nicht die einzigen sein müssen. Und vielleicht hat er auch Lust bekommen, es seinem Vater gleich zu tun.

Solche Spiegelbilder der Dinge, die uns umgeben, lassen es zu, daß verschie- dene Geschehen, Gebäude oder andere Dinge zusam- mengestellt werden können, die man sonst nur mit mehreren Blicken und Kopfbewegungen einfangen kann. Und fascinierend finde ich, daß Kontraste dabei scheinbar miteinander ver- schmelzen.

Eindrucksvoll sieht man das auf diesem Photo vom Theaterplatz. Durch den Blick ins Schaufenster wird eine Zusammenschau möglich von dem, was sich auf dem Theaterplatz abspielt. Man schaut durch das Bild wie durch ein Fenster ins Freie, obwohl man doch mit dem Rücken zum Gewühle steht und damit eigentlich mitten drin ist. Da steht das Plakat mit der Ankündigung des Caligula-Films vom Harmo- niekino, durch die roten Schilder der Sonderangebote im Schaufenster sieht man den Mann am Caffetisch auf dem Platz sitzen und in die eine Richtung schauen, während ein anderer dasteht, in die andere Richtung schaut, als ob auch er von der Fülle der Eindrücke verwirrt wäre. Man sieht, daß alles noch auf dem Boden der Tatsachen spielt und ist doch in eine Gleichzeitigkeit und Gleichräumigkeit geführt, die nur deshalb möglich ist, weil das Bild selbst zum Schaufenster geworden ist, in dem alles eingefangen ist, was der Theaterplatz bietet.


financial district

Seine ersten Erfahrungen mit dem Fotographieren hat Derliz nicht in seiner Heimat in Paraguay gemacht, wo er das Vertraute und Gewohnte hätte ins Bild setzen können. Mit 17 Jahren in den USA hat er seine erste Kamera ausprobiert, eine Minolta 110, die er vom Vater bekam. Er sollte seiner Familie durch die 5000 Bilder zeigen, wie Amerika ist. Er hat es mit ihren Augen und mit seinen eigenen, denen dieses Land auch fremd war, gesehen. Die markanten Stellen am Weg hat er hier schon sehen gelernt und schon damals hat er andere an seiner Sicht der Dinge teilnehmen lassen.

Er ist auf diese Weise mit dem fremden Land und einigen seiner Menschen so vertraut geworden, daß er sie noch heute als seine zweite Familie bezeichnet.

In den Kontrasten, die er gegeneinander oder besser nebeneinander sieht, wird das je eigene um so deutlicher. Das zeigt sich hier:

Das ultramoderne wabenähn- liche Hochhaus strahlt Ordnung aus, Regelmäßig- keit, Gleichmaß. Jedes Stockwerk ist zum Ver- wechseln gleich. Fast könnte man einen Schreck bekom- men vor so viel Einheit- lichkeit in der Architektur.

Daneben, nicht so gleich- mäßig von der Sonne bestrahlt, ein neoklassi- zistisches Gebäude. Fast erscheint es, als falle das alte Gebäude in das neue hinein, ohne jedoch in irgendeiner Weise damit in Verbindung zu treten. Die Fensterhöhlen, das Spiel von Licht und Schatten und die Architektur verleihen jeder Etage ein besonderes Gesicht, was im Kontrast zum Hochhaus umso deutlicher wird.

Keine Ablenkung erlaubt das Bild, der kleine blaue Fleck links am Bildrand deutet höchstens an, daß es sich hier, im financial district in San Francisco, um wirklich in den Himmel ragende Gebäude handelt. Die Gegenüberstellung macht nachdenklich. Auf der einen Seite wird das eine Gebäude durch das andere relativiert. Es verliert seinen Anspruch, das einzige und beste zu sein. Es wird in Frage gestellt.

Auf der anderen Seite gewinnen beide Gebäude durch den Kontrast ihre Einzigartigkeit, ihre Beson- derheit.

Derliz Mereles will keine Wertung zeigen, er sagt von seiner Perspektive, von seinem Blick auf die Kontraste: Man kann nicht wissen, ob man glücklich ist, wenn man nie traurig war. Wir brauchen die Kontraste, sie sind wie Gewürze, durch die ein Essen schmackhaft wird.


Montmatre

Zwei bis drei Jahre nach der Approbation als Arzt hat sich Derliz Mereles die erste eigene Kamera gekauft. Nie hat er einen Kurs besucht. Er ist das, was man einen Autodidakten nennt. Er ist in eine Schule eigener Art gegangen. Vielleicht hat er als Weltenbummler jenen leicht ironischen Blick ge- wonnen, ein zwinkerndes Auge, das den Einheimischen und Gewohnheitsgucker auf- merken läßt.

In Paris und am Mont- martre, wo die Schickeria stolz ihre eigene Welt gebaut hat, sieht der Mann aus Paraguay mit einem Grinsen über die gestylten Straßen- züge hinaus und entdeckt etwas ganz und gar Menschliches. Aus den Dächern aus Blech ragen wie ein Haufen ungeordneter Orgelpfeifen Keramikrohre in den Himmel. Vielleicht . ja wahrscheinlich sind es die Kamine der Franzosen. Aber die Rohre erinnern Derliz an solche in Paraguay, die bei jeder Villa und jedem kleinen Häuschen zu finden sind . allerdings in erheblich geringerer Zahl; um genau zu sein, reicht ein Rohr für ein Haus völlig: es sind die Entlüftungsrohre der para- guayischen "Stillen Örtchen".

Keineswegs tut die allzu- menschliche Perspektive auf die Schickeria in Paris jener einen Abbruch.


Herbst und Schatten

Seit 1993 lebt Derliz Mereles in Deutschland und Heidelberg.  "Einfach" nennt er sein Sehen, vielleicht ist es für ihn einfach, so die Dinge anzuschauen und sein Sehen im Bild festzuhalten.

Nach welchen Kriterien hat er gerade diese 20 Bilder aus den 500 ausgewählt? Er sagt, die sind schön. Das Sehen auf die markanten Akzente, die Freude daran, etwas aus einer anderen Perspektive zu betrachten, im Spiegel zu beschauen, das Heraus- streichen von Kontrasten und die Eigenart der Dinge neben anderen, das Augenzwinkern beim Betrachten, das nennt er schön.

Die Bilder sollen nicht lehrreich sein, obwohl sie das für mich sind, auch weil sie meine Sehfähigkeit schulen. Sie sollen Augenlust machen, so wie dieser Schattenweg im Schwetzinger Schloßpark, auf dem ich Lust zum Kästchenhüpfen bekomme, zum Spielen mit Licht und Schatten, mit den Bäumen, die mir den Weg da ins Gras werfen.Da ist auch Musik drin, vielleicht wie ein Stück von Chopin, von Derliz auf dem Klavier gespielt.

Wenn Sie jetzt durch den Raum gehen, dann wünsche ich Ihnen solche Lust am Mitgucken und Mitspielen, vielleicht auch zum Grinsen und zum Bewundern und zum Fragen. Und vielleicht bekommen Sie auch bei einem Glas Wein die Lust, eines unterm Arm nach Hause zu tragen. Auf jeden Fall könnten wir mit einer Seherweiterung oder Hori- zonterweiterung nach Hause gehen und so könnte doch noch das eintreten, was Derliz Mereles mit Überzeugung meint: Jeder kann ein Photokünstler werden.

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